Besuch in Argenteau 

Von Carl Friedrich Weber, Chemnitz

Aus den Mitteilungen des Collie-Clubs, Dezember 1901

Auf meiner Rückreise von England nach Deutschland führte ich einen schon längst beabsichtigen Besuch aus, in dem ich eine Einladung der vielen Mitgliedern des Collie-Clubs von Dresden, Ohligs, Wien und Elberfeld, her bekannten Herzogin d’Avaray, Prinzessin de Montglyon, Gräfin de Mercy-Argenteau, Folge leistete. Ich kam abends spät in Lüttich an, nahm mir am nächsten Morgen einen Wagen und fuhr in annähernd eineinhalb Stunden bei herrlichem Wetter immer an der Maas entlang nach Argenteau, einem prachtvollen wie romantisch gelegenen Schloss, nah der belgisch-holländischen Grenze. Auf einem hohen Berg inmitten eines wundervollen Parkes liegt das im Anfang des 18. Jahrhunderts erbaute Schloss Argenteau. Schon seit länger als 900 Jahren befindet sich diese Besitzung in den Händen der Argenteaus, doch ist von dem alten Stammschloss, welches in der Geschichte früher als „Argenteal“ öfter genannt wird, nicht viel mehr übrig. Das Schloss stand früher auf einem hohen Felsen, auf dem nur noch die Grundmauern zu sehen sind. Im 14. Jahrhundert wurde es einmal vernichtet, respektive niedergebrannt, dann wieder aufgebaut um Ende des 17. Jahrhunderts durch die Truppen Louis XIV abermals zerstört und dem Erdboden gleich gemacht zu werden. Man sieht noch an verschiedenen Stellen in den Felsen große Löcher, welche von den Minen herrühren, die gelegt wurden, um die Burg in die Luft zu sprengen. Das jetzige Schloss wurde dann auf einem Hochplateau aufgebaut, etwa 50 Schritt entfernt von der alten Stelle und hat man von allen Seiten einen wundervollen Ausblick. Auf eine nähere Beschreibung des Besitzes will ich nicht näher eingehen, sondern nur das beschreiben, was die Leser dieser Blätter besonders interessiert, die zahlreichen Collies, die von ihrer Herrin dort gehegt und gepflegt werden

Oberhalb des Schlosses, hinter wundervollen Gartenanlagen und Gewächshäusern, befinden sich die Zwinger von Argenteau. Ein großes Haus enthält die verschiedenen Zwinger, die aus einzelnen Boxen bestehen, wovon jede ungefähr 4 m breit 3 m tief ist. Jede Abteilung ist gut ventiliert mit allen modernen Bequemlichkeiten eines Hundestalles ausgestattet und nach vorn durch verschiebbare Türen abgeschlossen. Vor den Boxen befindet sich ein großer Auslaufplatz, der überdeckt, etwa 20 m lang und 8 m tief ist und der den Hunden zur Verfügung steht, wenn das Wetter es nicht erlaubt, dass sie sich auf den großen freien, Rasenplätzen, die eigens für sie angelegt und eingezäunt sind, tummeln können. Der Auslaufraum vor den Boxen kann durch eiserne Gitter, die auf Rollen laufen, mehrfach geteilt werden, für den Fall es notwendig erscheint, besonders streitlustige Tiere zu separieren. An der Seite des Hauses befindet sich noch ein besonderer Raum, ebenfalls überdeckt, in der Größe von 4 bei 12 m für die Puppies. Obgleich die Prinzessin einen besonderen Mann angestellt hat, der sich ausschließlich um das Wohl ihrer Hunde zu kümmern hat, ist die Dame von früh bis spät bedacht, selbst für die Hunde zu sorgen und ich glaube nicht, dass es irgendwo in der Welt einen Zwinger gibt, wo es die Hunde noch besser haben als in Argenteau.

Schon beim Frühstück, zu welchem ich gerade rechtzeitig eintraf, konnte ich meine alten Bekannten, Old Hall Shamrock, Lilly Rightaway, Ormskirk Jodonie und Old Bobs, den ältesten Collie, den die Prinzessin besitzt, begrüßen. Eine Beschreibung dieser Tiere kann ich unterlassen, da sie alle von Dresden, Ohligs, Wien und Elberfeld her bekannt sind.

Nach beendetem Frühstück wurden eine Menge Puppies auf die Veranda gebracht, meistens Nachkommen von Shamrock und auch einige von Balgreggie Hope und Barwell Masterpiece. Die Köpfe waren sämtlich vielversprechend und was die Ohren angelangt, so getraue ich mir darüber bei so jungen Tieren nicht ein Urteil zu fällen, da sich dieselben bis zum Alter von zehn Monaten, wo man sieht wie die Ohren sind, noch diverse Male ändern können. Die jungen Hunde folgten uns in den Garten, wo nach und nach eine Kollektion von etwa 40 Stück versammelt war. Sie wurden schließlich auf einen großen umzäunten Rasenplatz gelassen, von wo wir uns dann wiederum einzelne zu Beurteilung herausholten. Meiner Meinung nach ist Ormskirk Jodonie das beste Tier des Zwingers in Argenteau. Unter den Puppies sind verschiedene, die vielversprechen und durfte die Prinzessin einiges sehr gute Tiere gezüchtet haben, die sie hoffentlich im nächsten Jahr auf der Collie Club Ausstellung vorführen führen wird.

Ich habe mir die Namen der einzelnen Hunde nicht gemerkt und bin deshalb auch nicht in der Lage, sie einzeln genauer zu beschreiben. Interessant war es mir, ein Tier zu sehen, welches die Prinzessin voriges Jahr im September aus dem Zwinger des Herrn Powers mit nach Argenteau genommen hatte. 14 Tage später als ich war die Prinzessin im vorigen Jahr  in Barwell und als ihr Powers ebenso wie mir verschiedenste Puppies zeigte, die in den nächsten Tagen getötet werden sollten, suchte sie sich zwei hübsch gezeichnete Puppies aus. Ehe sie mir die Lebensgeschichte des Hundes erzählte, musste ich ihr meine Meinung über ihn sagen, und mein Urteil war ein sehr günstiges. Als ich nachher erfuhr, woher der Hund stammte und dass es derselbe war, den mir Herr Powers im vergangenen Jahr schenken wollte, ärgerte ich mich natürlich, dass ich das Puppy damals nicht angenommen hatte. Daraus kann man aber sehen, wie sehr sich selbst ein berühmter Kenner und Züchter wie Powers täuschen kann. Denn hätte er ahnen können, dass der Hund einmal so schön werden würde, würde er nie auf den Gedanken gekommen sein, das Tier zu töten.

Im Allgemeinen sind die Hunde von Argenteau sehr schön, wenn auch der Durchschnitt nicht an den der Hunde der Powers oder Stretchs herankommt. Die Prinzessin hat aber ihre wirklich besten Hunde in Barwell. Powers teilte mir nach London mit, dass er augenblicklich die vorzüglichsten Puppies in Barwell habe, die er jemals gezüchtet hätte. Auch der Prinzessin hat er damals geschrieben und erwähnt, dass er einige Puppies von Masterpiece aus Beatrice dort habe, das Schönste seien, was er je gezüchtet habe. Nun will ich im Interesse der Prinzessin, die ja ungeheure Summen für die Colliezucht ausgegeben hat,  hoffen, dass er Recht hat und wirklich gute Collies im Laufe des nächsten Jahres auf den maßgebenden Ausstellungen in England für die Prinzessin herauszubringen in der Lage ist. 

Die Prinzessin hat mit den von ihr gekauften Hunden die höchsten Ehren auf englischen und bedeutendsten Ausstellungen auf dem Kontinent erreicht, die jemand erlangen kann. Ch. Barwell Masterpiece hat, seitdem er seine Siegerlaufbahn im Jahre 1897 in Birmingham und Liverpool begonnen die Championships in London, Liverpool, Derby, Leicester, Glasgow, Crewe, Crufts und auf der diesjährigen Collie Club Ausstellung in Hinckley gewonnen, er hält die Challenge Trophy des englischen Collie Club und hat unzählige und Spezialpreise davongetragen. Old Hall Shamrock und Lilly Rightaway sind die berühmtesten Sieger auf kontinentalen Ausstellungen und haben die Hauptehrenpreise auf maßgebenden Ausstellungen des Kontinents, wie Paris, Dresden, Brüssel, Wien, Spa, Elberfeld und so weiter eingeheimst. Old Hall Beatrice erhielt den Championtitel in London auf der Collie Club Ausstellung in Hinckley, in Leicester und Crewe. Auch sie hält die Collie Club Challenge Trophy und schließlich hat die Prinzessin auch mit ihren zuletzt gekauften Hündinnen in Ormskirk Jodonie und Lady Clinker unzählige erste und Ehrenpreise gewonnen. Nun geht ihr einziges Bestreben noch dahin, selbst einen Champion zu züchten und wenn nicht ihr mit ihren prima Hündinnen Beatrice, Lilly, Jodonie und Clinker, wem soll es dann überhaupt gelingen? 

Ch. Old Hall Shamrock, vor dem Schloß ebenfalls von Maud Earl gemalt.

Ich verlebte in Argenteau einen außerordentlich angenehmen Tag und kann die Liebenswürdigkeit, mit der ich von der Prinzessin und ihrem Sohn, dem Marquis d‘ Avaray aufgenommen wurde, nicht genug hervorheben. Ich bedauerte unendlich, dass der Abend so schnell herankam und ich an die Abreise denken musste. Ich fuhr nachts nach Liege zurück, um den Morgenzug ab Liege nach Köln zu erreichen.

v.l. Old Hall Shamrock, Old Hall Beatrice, Lilly Rightaway, Barwell Masterpiece – gemalt von Maud Earl. Damals galten lange Köpfe als erstrebenswert, vielleicht hat man sich deshalb nicht so sehr am Original orientiert… wie man im Vergleich zu den Fotos sehen kann.

Berühmter als sie selbst und unsterblich ist das Gemälde von Maud Earl mit den Portraits ihrer wichtigsten Champions, das man heute in Orginalgröße – bestimmt 1 m lang – als Druck kaufen kann. Ein farbiger Druck schmückt das Wohnzimmer von Blakes, Corydon. Sie ließ einige Hunde malen. Geboren 1862 erbte sie nach einer unerfreulichen Kindheit und Zweckehe 1890 das Schloß Argenteau bei Lüttich von ihrer Mutter, wohin sie sich abseits vom Adelsgetümmel in Paris zurückzog, um sich gänzlich ihren geliebten Collies zu widmen. Sie arbeitete eng mit den Barwell Collies in England zusammen und kaufte für viel Geld erfolgreiche Tiere ein. Durch eine Finanzkrise verarmt, kehrte sie mit dem alten Shamrock nach Paris zurück.  1905 heiratete sie in 2. Ehe einen Amerikaner und ging mit ihm in die Staaten, wo sie ebenfalls sehr angesehen als Züchterin und Richterin war. 1912 wurde sie geschieden und war nun alleine, ohne Verwandte und finanziell angeschlagen in dem fremden Land, wo sie 1925 erst 63 Jahre alt völlig verarmt unter fragwürdigen Umständen verstarb. 

Die abenteuerliche Geschichte der Princess de Montglyon lesen Sie ausführlich und mit vielen Bildern der berühmten Collies ihrer Zeit in der Collie Revue Dezemberausgabe 2016. Darin gibt es außerdem sehr interessante Artikel zur Welpenaufzucht, zur Bauchspeicheldrüse, 25 Jahre Colliezucht vom Obersten Wehr und vieles mehr. Sie umfasst 88 Seiten und kostet 8 Euro plus Porto. Wenn Sie noch ein Exemplar ergattern möchten, schreiben Sie eine Email: infohund.kraemer@t-online.de.

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