Der IK – Inzuchtkoeffizient ist ein kompliziertes Rechenmodell, das anzeigen soll, wie verwandt die Ahnen eines Hundes sind, entwickelt als wichtiges Hilfsmittel insbesondere für die Nutztierzucht. Der IK hat einen großen Nachteil: Je niedriger er ist, desto besser – ABER verpaart man z.B. zwei Hunde, die jeweils aus einer Vollgeschwisterverpaarung stammen, aber nicht verwandt sind, errechnet der IK 0% und sagt somit nichts über den tatsächlichen genetischen Background aus. Hier verweisen wir auf den Ahnenverlust.

Wie war das früher?

Für den normalen Hundezüchter war der IK keine Option und kam erst ins Gespräch, als die Berechnung über Computer lief. Und das ist noch nicht lange her. Bis dahin schauten wir nur auf Ahnentafeln. Im Herkunftsland England, aus dem die Zuchttiere importiert wurden, gab es nur vom Züchter oder Verkäufer handgeschriebene Exemplare. Man besah sich also, wenn man sie denn überhaupt bekam, die 5 Generationen der Eltern und freute sich, wenn ein berühmter Champion mehrmals darin vorkam. Eine Ahnentafel, die keine „Linie“ aufwies und aus mehrheitlich unbekannten Zuchtnamen bestand, galt als wertlos. Man duldete höchstens mal hie und da in den hinteren Generationen eine unbekannte Hündin. Der Züchterstolz war komplett, wenn die Mehrheit der Ahnen mit roter Tinte geschrieben wurde = englische Champions waren. In den 1960er Jahren empfahl die westdeutsche Zuchtleitung ausdrücklich Inzucht zur Typverbesserung, der Begriff lautete „Hochzucht“. So finden wir in diesen Zuchtbüchern sehr viele Vater-Tochter- oder Halbgeschwisterverpaarungen. Pech nur, dass der meist eingesetzte Rüde, der dem Zuchtleiter gehörte, viele Epileptiker brachte und ich ihn persönlich als wesensschwach kennenlernte… Menschen eben…

Da gute Fotos und Publikationen rar waren, bekam man wertvolle Zuchttiere nur auf Ausstellungen oder bei Besuchen der Züchter zu sehen. Züchtertourimus war beliebt. Da man damals ohne Auto nach England (englische Importe bestimmten die Rasse) reiste, wurden wir gerne von den Züchtern, die wir besuchten, zu anderen Züchtern gefahren, denn das war auch für sie willkommener Anlass hinter die Kulissen von Züchterkollegen zu sehen. Da wurden dann zu den Hunden, die wir sahen, die handgeschriebenen Ahnentafeln studiert, und man erhielt im Gespräch einige Informationen. So schaffte man sich einen persönlichen Eindruck mit positiven und negativen Überraschungen. 

Moderne Technik…

Heute haben wir z.B. das Collie Breed Archive, wo wir auf Knopfdruck 10 Generationen (Genetiker sagen, man muss sich mindestens 10 Generationen anschauen) Auswertungen bekommen, soweit im Archiv vorhanden. Es werden jeweils IK und AV errechnet.

komplette 10 Generationen-Abstammung

Ahnenverlust (AV)

Der IK ist nur eine Zahl, sonst nichts. Der Ahnenverlust leuchtet da schon eher ein. Wenn ich 2046 Hunde in 10 Generationen haben kann, wäre keiner der Hunde mit einem anderen verwandt, und es sind tatsächlich nur 319… dann muss einleuchten, dass die genetische Versorgung eines solchen Hundes nicht gut sein kann. 

Im Breed Archive kann man die „Popular sires“ in 10 Jahresschritten ansehen

Genetische Vielfalt

Das Wort gehörte gar nicht zu unserem Wortschatz… heute ist es in aller Munde. Zu Recht, denn wir wissen heute anhand moderner Gentechnik, die zu nutzen inzwischen für jedermann erschwinglich ist, viel mehr um die Bedeutung und das Zusammenspiel der Gene. Täglich kommen neue Erkenntnisse dazu. Hört man einen Beitrag zum Thema, hört man öfter „das wissen wir noch nicht“, „dazu gibt es noch keine Studien“. Da der Hund viele genetische Krankheiten mit dem Menschen gemeinsam hat, ist die Forschung am Hund in vollem Gange, und die Rassehundezüchter können das nutzen. Wäre das nicht der Fall, würden wir heute noch auf 5 Generationen auf Papier starren. Aber es hat natürlich den Nachteil, dass sich Hundezüchter mit der schwierigen Materie befassen müssen, und wenn sie es verstanden haben, nicht anders können als ihr Zuchtprogramm entsprechend anzupassen. 

In den ersten 5 Generationen sieht man keine Inzucht.

Alte Gewohnheiten und Emotionen

Altgewohnte Pfade zu verlassen fällt immer schwer, Emotionen sind das größte Hindernis. Ein angesprochener Makel eines Hundes kommt schon einer persönlichen Beleidigung nah und alleine die Tatsache, dass er uns gehört, macht ihn unendlich wertvoll. Früher hatte man Zuchtstätten mit vielen Hunden, da fiel es nicht so schwer, Hunde abzugeben und neue reinzuholen. Aufmerksame Züchter erkannten sofort Schwachstellen und beendeten die Linie. Niemand ärgerte sich mit Hündinnen herum, die nicht problemlos große Würfe aufzogen. Wer Arbeit machte, Kosten verursachte und nichts einbrachte war fehl am Platz. Der Gedanke ist für uns heute nicht mehr zu ertragen, aber so habe ich das noch kennengelernt und alleine dieser Tatsache verdanken wir, dass die damals so enge Inzucht auf eine eiserne Selektion stieß, die eben die Vermehrung negativer Eigenschaften unterdrückte. 

Heute sind wir zu nah an unseren Hunden, jedes tote Welpchen wird beweint. Jedes halbwegs lebensfähige mit allen Künsten der modernen Tiermedizin aufgepäppelt. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber wenn diese Hunde dann am Herzen des Züchters hängend, sich scheinbar gut entwickelnd, zur Zucht eingesetzt werden, versündigt sich der Züchter an der Rasse.  

Genomischer IK

Jetzt aber gibt es den genetischen IK. Man kann anhand der Gentechnik feststellen, wie ein Hund genetisch tatsächlich aufgestellt ist und seine genetische Vielfalt darstellen. Damit erkennen wir, wie es tatsächlich um unsere Rassen bestimmt ist. Und es zeigt auch, dass Wurfgeschwister vollkommen unterschiedlich dastehen, je nachdem wie die Würfel der Zellteilung fallen. Deshalb ist es meiner Meinung nach unerlässlich, dass Zuchttiere getestet werden, um eine entsprechende Partnerwahl treffen zu können.

Gentests

Weltweit bieten einige Labore solche Tests an. Ich habe mir die Tests von Feragen angesehen, die von den Hundebesitzern öffentlich gemacht wurden. Dabei fielen ca. 90 Hunde unter den Begriff Collie. Ein Großteil der Hunde wurde leider nicht auf ihre genetische Diversität überprüft. 

Ich habe nun FCI-Collies, die ich im Breed Archive über die 10 Generationen verfolgen konnte (bei einigen gab es ab der 9. Generation Lücken) dem genomischen IK gegenübergestellt. Bei nicht FCI-Hunden konnte ich das nicht, ebenso wenig bei den Hunden, in die Welsh Sheepdog eingekreuzt wurde. 

FCI-Collies

Das waren 14 FCI-Collies mit einem durchschnittlichen genomischen IK von 16,3, der Pedigree IK lag im Schnitt bei 1,2. Die Züchter dieser Hunde hatten sich offenbar sehr viel Mühe gegeben, keine Verwandtschaftszucht zu betreiben. Für sie gab es ein böses Erwachen.

Drei Wurfgeschwister hatten logischerweise einen Pedigree IK von 1,73, aber der genomische IK lag bei 20, 16, 3! 

Der höchste genomische IK von 22 stand einem Pedigree IK von 0,42 und 0,07 gegenüber! 

Nicht-FCI-Hunde

15 mit einem durchschnittlichen genomischen IK von 12,4. 

Welsh Sheepdog Outcross

12 Hunde hatten einen durchschnittlichen genomischen IK von 1,89!

Niedriger IK trügerisch

Ein niedriger Pedigree IK ist trügerisch. Der genomische, der den tatsächlichen Zustand zeigt, ist in aller Regel SEHR viel höher. Nur der genomische IK zusammen mit der Überprüfung der Ahnen im Collie Breed Archive kann dem Züchter helfen, die Suppe nicht weiter zu verdicken. Ohne Zuführung fremden Blutes bleibt es jedoch in der geschlossenen Population und das sind alle reinrassigen Collies, egal, was für Papiere sie haben, ein Rühren in der gleichen Suppe. Aus der Brühe mit Einlage wurde eine sämige Suppe, wer jetzt nicht aufpasst, wird im dicken Brei bald nicht mehr rühren können. Guten Appetit!