Vor 147 Jahren – Ch. Madge I – Stammmutter der Collies

Der 10. September 1879 führt uns in die Anfänge der Colliezucht. In der Hundezucht dreht sich eigentlich immer alles um die Rüden – die Vererber… einfach weil sie mehr Nachkommen zeugen können als Hündinnen. Berühmte Hunde werden viel genutzt und daher scheint ihr Name öfter in den Ahnentafeln auf. Nur wenige Hündinnen werden jedoch als tragende Säulen anerkannt und gewürdigt. Eine davon ist zweifelsohne Ch. Madge I. 

Colliezucht ganz groß im Kommen

Die Colliezucht war 1879 schon in vollem Gange. Man sprach sogar von einer „Collie-Industry“. Züchter kauften Hunde billig auf, gaben ihnen den eigenen Zwingernamen, machten sie zu Champions und verkauften sie teuer weiter. Zwar war „scottish“ das magische Wort im Modetrend, aber woher die Hunde letztlich kamen, wusste niemand. So ist die Herkunft des legendären Old Cockie, der die sable Zucht einleitete, nach wie vor unbekannt. Die Hochburg der Zucht und Ausstellungen war nicht Schottland, sondern Birmingham. Auf den großen Viehmärkten kam das Schlachtvieh aus dem gesamten weiteren Umfeld zusammen, und mit ihm die Treib-und Hütehunde. Naheliegend war Wales, und viele wohlhabende Engländer besaßen Landgüter in Irland, wo auch Mr. Shirley, Gründer des Royal Kennel Club und einer der Pioniere der Colliezucht, seine Collies aufziehen ließ. Z.B. den Founder „Trefoil“. Trefoils Einfluss auf die Rasse.

Rev. Hamilton und Colliewelpen für 1.500 Euro

Er gilt als einer der Begründer der Colliezucht. Zitat aus Packwood Show Collies 1906: „1979 stellte er in Bristol „einen Wurf“ von drei Welpen aus nach Marcus aus Ruby III: Zulu Princess, Donald und Madge, später berühmte Sieger.“ Lt. Katalog der Schau, der sich in meiner Sammlung befindet, zeigte er die am 10.9. geborenen Welpen am 2. Oktober in der Klasse „Welpen zu verkaufen“: 6 Welpen im Alter von 3 ½ Wochen für je 10 Pfund – das waren nach heutigem Wert 1.560 Euro! Bei einem durchschnittlichen Jahreslohn von 66 Euro. Daran sieht man, welche kommerzielle Bedeutung die Colliezucht damals hatte. Diebstähle zum Weiterverkauf waren an der Tagesordnung. Ein Mr. Gibbs bot seine Welpen für je 22 Pfund an, während ein Mops für 7,7 Pfund wegging. Ein Neunfundländerwelpe brachte es auf 20 Pfund, ebenfalls eine geschätzte Rasse. 50-200 Pfund (jeder Hund hatte seinen Preis im Katalog) war das Übliche für einen erwachsenen Collie. Es wurden auch Preise von 1.000 Pfund (150.000 Euro) aufgerufen. Das waren jedoch Fantasiepreise, wenn man einen Hund nicht verkaufen wollte. Eine Praxis, die später verboten wurde. Angesichts dieser Tatsache frage ich mich, ob die horrenden Preise, die in der Literatur für Collies genannt werden, tatsächlich gehandelt wurden. 

Die beste ihrer Zeit

Packwood beschreibt Ch. Madge: „die beste ihrer Zeit; sie hatte auch großen Einfluss auf die Perfektion des Collies, und ist in der Tat eine Säule der Zuchtbücher. Es heißt, dass Ch. Madge die Mode der höheren Ohrenhaltung, die heute erwünscht ist, einleitete.“

Zum Foto von Madge schreibt Packwood: „Das Foto von Ch. Madge wurde im Alter von zwei Jahren aufgenommen. Es wird ihrer Qualität nicht gerecht, aber es ist das einzige. Jedoch reicht es aus zu zeigen, dass sie ein typischer Collie mit gutem Kopf war.“ 

Tatsächlich gehen alle heutigen Collies auf sie zurück. Der berühmte Vererber Ch. Metchley Wonder, geb. 1886, war ihr Enkel und man betrieb schon Inzucht auf sie. Ch. Anfield Model, geboren 1902, einer der wichtigsten Vererber dies und jenseits des Atlantiks, hat sie in 10, nicht vollständigen, Generationen schon 58 mal. 

Ch. Madge I

Die Abstammung ihres Vaters Marcus ist unbekannt. Aber es gibt ein Foto von ihm, das eindeutig einen schwarz-weißen Hund zeigt, ohne tan markings. Damals waren schwarz-weiße Hunde häufig, die Farbe, die es beim Sheltie noch gibt, ist beim Collie ausgestorben. Damals allerdings waren Hunde ohne weiße Abzeichen generell beliebt, denn die wirklichen Hunde der Queen Victoria von Balmoral hatten kein oder ganz wenig weiß. 

Aus Madge‘s Mutterlinie sind nur 4 unvollständige Generationen bekannt. Einige Vorfahren kamen nachweislich aus Irland. Man darf davon ausgehen, dass sie keiner Inzucht entstammte und ihre Vorfahren tatsächlich aus dem Umfeld von Birmingham kamen. Packwood schreibt, dass es einige wenige gute Hunde aus Schottland auf den frühen Schauen gab, sie aber keine Rolle spielten. 

Das Foto von Madge ist wirklich nicht gut und sie ist nicht unbedingt als tricolour zu erkennen. Vielmehr wird sie als „am Körper schwarz“ bezeichnet, so dass sich durchaus vermuten lässt, dass es sich um die heute ebenfalls ausgestorbene Saddle-Zeichnung handelte, schwarzer Körper mit sable Kopf. 

Collies aus Wales

Ich gehe davon aus, dass viele Vorfahren der Collies aus dem naheliegendsten Umfeld und Viehzuchtregion Wales stammten. Sie trieben nachweislich das Vieh auf die Märkte in Birmingham, die die aufblühenden Industriestädte mit boomender Bevölkerung versorgten. 

Schaue ich mir das Foto von Madge I und das von Sheila an, die ¾ Welsh Sheepdog und ¼ Collie-Abstammung hat, dann bestehen für mich keine Zweifel, dass wir in Wales auf den als Arbeitshund weiter gezüchteten Familienzweig des Collie gestoßen sind. Der Begriff Welsh Sheepdog war so damals nicht geläufig, es waren halt Sheepdogs… oder Farmdogs. Der Begriff Welsh Sheepdog etablierte sich erst in den 1990er Jahren, als sich die walisischen Farmer auf den Wert ihrer ursprünglichen Arbeitshunde besannen. Das führte zur Gründung der Welsh Sheepdog Society, die die Arbeitsweise, die sich erheblich vom Border Collie unterscheidet, bewahren wollten. Auf das Aussehen kommt es dabei nicht an. Bei meinen Besuchen auf zahlreichen Farmen in Wales traf ich sehr unterschiedliche Hunde an, einige davon erinnerten mich sofort an die Fotos der ersten Collies. 

Vergleichen wir Sheila mit Madge ist die Ähnlichkeit verblüffend, aber noch mehr die von ihrem Vater Marcus mit einem ganz eigenen Schlag der Welsh Sheepdogs, die mich zur Parlla Farm führten, wo man seit Generationen diese schwarzen Sheepdogs züchtet. 

Eva-Maria Krämer