Zwischen Lob und Kritik: Collies in Österreich 1962

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Ein kleines, unscheinbares Heftchen – A5, farblos, 48 Seiten: Unsere Hunde, offizielles Organ des ÖKV – Österreichischer Kynologenverband – vom Dezember 1962! Einige Rassezuchtvereine nutzten das Heft für ihre Mitteilungen. Der Bullterrierklub schmückt sich tatsächlich noch mit der Überschrift Der Bullterrier (Kampfhund)…

Bericht zur Internationalen Ausstellung in Linz am 9. September 1962

Neben einem ausführlichen Allgemeinbericht der Richterin werden auch die einzelnen Richterberichte veröffentlicht. Es richtete Maureen Wilson, Kinreen Collies, aus England. Das hinderte die Besitzer der Rüden jedoch nicht daran, drei von ihr exportierte Hunde auszustellen… Eigentlich nicht üblich, denn man bringt damit den Richter in eine schwierige Situation… Von den 6 Rüden in der „Reifeklasse“ = Offene Klasse waren vier englische Importe. 

19 Hunde für englische Spezialrichterin

Gemeldet waren 13 Langhaar-, 4 Kurzhaar-Collies und 2 Shelties. Das ist schon eine Hausnummer, eine englische Spezialrichterin für 19 Hunde einzuladen. Doch es war, im Gegensatz zu heute, üblich Spezialrichter heranzuziehen. Heute werden oftmals Allgemeinrichter bevorzugt, die zwar selten Wissen um die Details einer Rasse haben, aber für den Veranstalter wirtschaftlicher, viele Rassen richten können. Hin und wieder Allgemeinrichter sind eine gute Sache, da sie in der Regel nach Standard richten und kein persönliches Interesse an bestimmten Typen, die gerade „in“ sind, haben. Allerdings gibt es auch solche, die bleiben im Trend, denn man will ja wieder eingeladen werden… Warum in einer „Hochzeit“ der Colliezucht aufgrund des Lassiebooms nicht mehr Collies angetreten sind wundert mich. 

Ihre Richterberichte im Original:

In der Reifeklasse standen 6 Rüden: V1 Sieger Linz und CACIB: Gareth Capitan of Kinreen aus Österreich Nr. C 1390. Sein Bericht: „Schwerer, gut gebauter Typ, gute Linie, gute starke Beine und Füße. Wunderschöner, idealer Colliekopf mit wunderschönem flachem Oberkopf, gute Schnauze, korrekter Stop, kleines dunkles, richtig platziertes Auge, korrektes, schönes Kippohr, gutes Scherengebiss sowie Zähne. Gut im Gebäude und Haar, sehr gutes Gangwerk, gutes Temperament. Ein Hund, der sich wie ein vorbildlicher Ausstellungshund zeigte, sehr gut vorgeführt von seinem jungen Herrn. Frei in der Bewegung, jedoch etwas zu lebhaft mit dem Schwanz.“

V2 Normansfield Mischief of Kinreen C1451 „Prächtiger merle Rüde von idealer Größe, männlicher Typ, wunderbare Linie, guter gerader Rücken und gute Nackenlänge. Gut portioniert mit schöner tiefer Brust. Sehr gute Winkelung, wunderschöne Hinterhand mit keiner Spur von Kuhhessigkeit. Korrekte Schultern in richtigen Winkeln, schöne starke Läufe, geschlossene Pfoten, guter eleganter Kopf mit schön gefüllter Schnauze und flachem Oberschädel, gut eingesetzte, dunkelbraune Augen, schmale, gut gekippte Ohren, ideale Zeichnung für einen Merlecollie, gutes Gebäude, leider abgehaart, richtiger Biss und vollständiges Gebiss, gut und kraftvoll in der Bewegung.“

V3 Simba Kinreen Dashinggold of Dunsinane C1496 „Idealer Typ eines Collies von wunderschöner Farbe. Guter Kopf mit ausgefüllten Backen und Schnauze. Wunderschöner Ausdruck mit sehr gut platzierten, dunklen Augen. Schöne Ohren, die er gut trägt. Schön gewinkelt, gute, starke Vorhand mit guten Pfoten. Heute unsichere Haltung in der Hinterhand, korrekter Biss und schöne, saubere Zähne, vorzügliches Wesen. Heute bei der Vorführung durch Ablenkung unsicherer Gang.“

Kinreen Dashinggold of Dunsinane Foto: Hinterholzer

V4 Westcarrs Warrior Ausl 15374 (Deutschland) „Ein Hund mit einem der besten Köpfe, die ich je gesehen habe. Wunderschön modellierten Kopf. Ideal eingesetzte dunkle Augen, gut angesetzte schmale Ohren, die sehr gut getragen werden. Ein Ohr zeigt Beweise, dass ein Mittel zur Erreichung des Kippens verwandt wurde. Gute Linie mit wunderbarem pferdegleichem Nacken, etwas ausgedreht am linken Ellenbogen. Schade, dass das Haarkleid schlecht ist. Zeigt sich sehr gut. Ist jedoch am Kopf etwas handscheu, gut in der Bewegung, etwas mehr Substanz würde den Hund verbessern.“

Westcarrs Warrior Foto: Klocker

Sehr gut Brix von Lengheim C1316 „Schwerer Rüde des alten Typs. Vorzüglich im Gebäude und Haarkleid. Richtige Linie, gute Vorderläufe und Pfoten. Gute Zähne, extra langer Schwanz. Das Haarkleid ist hart, freundliches Wesen, tiefe Brust, gut ausgebildete Rippen. Leider mit einem etwas zu breitem Kopf und zu hellen Augen. Die Ohren werden nicht gut gezeigt, zeigt sich etwas schwach in der Hinterhand.“

Sehr gut Pattingham Painter Ausl 16246 (Deutschland) „Schöner Hund englischen Typs mit schönen Augen, gutem Ausdruck, kleine, richtig eingesetzte, dunkle Augen. Hat seine Ohren überhaupt nicht gezeigt. Gute Linie, richtiger Biss, steht still und gut. Richtige Vor- und Hinterhand. Er hätte einwandfrei vorzüglich erhalten, wenn er nicht völlig abgehaart wäre. Stelzenhafter Gang auf den Hinterläufen.“

Pattingham Painter Foto: Bodenberger

Jugendklasse Rüden: V1 Jugendsieger Linz Harpy vom Urstromtal C1461 „Wunderschöner englischer Kopf, flacher Oberschädel, gute Schnauze, schmale, sehr gut eingesetzte dunkle Augen, gute Hinterhand, gute Winkel. Richtige Größe. Gute Länge des Schwanzes, zeigt sich sehr gut, alles zusammengefasst ein sehr guter Collie. Gute Bewegung rückwärts, vorne etwas locker; zu viel Haare bei den Ohren weggeschnitten.“

Reifeklasse Hündinnen: V1 Siegerin Linz CACIB Betsy von der Friedlvilla C1375 „Wirklich schöne zweijährige tricolour Hündin mit idealem Kopf, elegantem flachen Schädel, guter Schnauze und richtigem Stopp, kleine, gut angesetzte Ohren und gute Nackenlinie, gerader Rücken und richtige Winkel. Gutes Gebäude, gut im Haar, hervorragend gepflegt. Eine Hündin mit der besten Pflege der heute vorgeführt Collies, zeigt sich sehr gut. Die Augen könnten etwas dunkler sein.

Sehr gut Sheila of the Greyish Blue Sweeper C1384 „Tricolour Hündin englischen Typs von etwas männlicher Art, guter Kopf, schöne dunkle, gut eingesetzte Augen mit gutem Ausdruck, schöner dunkelbrauner Brand, gute Läufe, geschlossene Pfoten, korrektes Scherengebiss mit schönen Zähnen. War dem Richter gegenüber heute etwas unleidlich. Wenn sie will steht sie sehr gut. Wenn nicht so abgehaart würde sie vorzüglich bekommen haben, gutes Gangwerk.

Jugendklasse Hündinnen: V1 Jugendbeste Linz Anita von der Karawankenkette C1490 „Gute neun Monate alte Hündin, die sehr viel verspricht. Für ihr Alter ist sie sehr gut im Haar; guter Kopf mit flachem Oberschädel und korrektem Fang. Gute tiefe Brust mit gut geformten Rippen, gute Winkelung. Die Ohren sind gut angesetzt und werden schön gekippt, allerdings mit Nachhilfe des Besitzers. Gut im Haar, guter englischer Typ, noch etwas unfertig in der Bewegung.“

V2 Pattingham Perle C1514 „Wirklich wunderschöne Hündin ohne Fehler. Leider fehlen nach österreichischem Standard zwei Prämolaren. Nach meiner Meinung ist sie gut genug englischer Champion zu werden. Wunderschöner Kopf mit flachem Oberschädel, gut gefüllter Fang, schmale, gut angesetzte Ohren, die sie sehr gut zeigt. Dunkle Augen geben einen reizenden, idealen Collieausdruck. Gut in Haar und Gebäude, sehr kompakt, mit sicherem Wesen und freien Bewegungen.

Sehr gut Lady of Lochmore C1544 „Hübsche neun Monate alte tricolour Hündin mit guten Augen und richtiger Linienführung. Gutes Gebäude, gute Pfoten und Beine, gut gewickelt, etwas lockiges Haar, korrektes, vollständiges Scherengebiss. Das Zeigen der Ohren könnte besser sein, noch lockeres, nicht ganz fertiges Gangwerk.“

Gut: Asta vom schwarzen Gold C1488 „Tricolour Hündin in guter Farbe mit schönem dunklen Brand; guter Kopf mit gut eingesetzten Augen und gutem Ausdruck. Leider ist das linke Ohr etwas zu schwer, gutes Gangwerk.“

Anmerkung: Die etwas merkwürdig anmutenden Berichte sind der Übersetzung geschuldet. Es war immer schwierig, Übersetzer zu bekommen, die mit den Hunde-Fachausdrücken vertraut waren.

Historische Kurzhaarcollies – die ersten in Deutschland

Inge Harth ist mit ihren ersten Kurzhaars tatsächlich nach Österreich gereist. Hier die Richterberichte der für Deutschland historischen Kurzhaars:

Don Argus of Dunsinane Foto: Harth

Reifeklasse Rüden: Sehr gut Don Argus of Dunsinane Ausl. 15835 (Deutschland) „Abgehaarter tricolour Rüde. Ziemlich guter Kopf, jedoch zwischen den Augen etwas zu breit. Gute Gesamtlinie, aber für einen Rüden nicht kräftig genug, nicht ganz korrektes Gebiss. Gut gefüllter Fang mit gutem Unterkiefer, etwas abfallende Gruppe und etwas lose in der Vorderhand.“

Reifeklasse Hündinnen: V1 Siegerin Linz CACIB Donna Anona of Dunsinane Ausl. 1657 (Deutschland) „Drei Jahre alte tricolour Hündin mit ausgesprochen feinem Kopf, flacher Oberschädel mit vollem Fang, gut eingesetzte Augen mit lieblichem Ausdruck, gute Läufe und Pfoten, der Hals könnte etwas länger sein. Guter Gesamttyp. Die Bewegung lässt noch etwas zu wünschen übrig, zeigte sich nicht gut und war etwas scheu.“

Donna Anona of Dunsinane Foto: Harth

Jugendklasse Hündinnen: Sehr gut Etienne vom Ihlpol Aus. 16163 (Deutschland) „Eine merle Hündin mit guter Farbe. Mit besserem Kopf als der Rüde. Gute Nackenlinie, Schulter und Winkelungen, sehr gut angesetzte Kippohren, Pfoten zu wenig geschlossen, dürfte etwas mehr Substanz haben. Bewegung ist schlecht.

Etienne vom Ihlpol Foto: Harth

Collies besser als ihre Präsentation – der Kurzhaar braucht noch Impulse aus England

In ihrer Einleitung bedankt sich Maureen für die Gastfreundschaft und das Gastgeschenk, eine Brosche der Rose von Linz. Sie schreibt weiter: „Ich bin sicher, dass die österreichischen Colliezüchter nichts für die Zukunft zu befürchten haben. Obwohl weniger Hunde unserer Rassen gezeigt wurden als es in England auf Ausstellungen der Fall ist, ermöglichen sie doch einen Bestand von beständiger Qualität zu züchten, wie wir es in England schon haben.

Das Richten der Reifeklasse Rüden war sehr schwierig, weil keiner der vier CACIB-Anwärter sich an diesem Tage von der besten Seite zeigte. Der erste erhielt schließlich das CACIB wegen seines wirklich erstklassigen Kopfes, obwohl er nicht so gepflegt war wie die anderen Mitbewerber. Der zweite hätte ebenso das CACIB bekommen, wenn er sich besser gezeigt hätte. Der Dritte war leider durch die außerhalb des Ringes befindlichen Hündinnen zu sehr abgelenkt und dadurch in der Bewegung unvollkommen, der vierte Rüde war völlig abgehaart. Alle vier Hunde haben die Chance auf späteren Ausstellungen das CACIB zu bekommen.

Ich musste leider feststellen, dass die österreichische Art die Hunde im Ring vorzuführen viel zu wünschen übriglässt. Jemand, der sich die Mühe machen würde, sich die englische Erfahrung und Geschicklichkeit in der Ringdressur anzueignen, würde den anderen Mitbewerbern gegenüber große Vorteile haben. Nur ein Hund unserer Rasse war in Linz einwandfrei in der Bewegung, und zwar die CACIB Sheltiehündin. Bei den meisten anderen mir vorgeführten Hunden, die nicht korrekt in der Bewegung waren, lag es an dem mangelnden Können des Vorführenden aus seinem Hund das Beste herauszuholen beziehungsweise das richtige Tempo in der Bewegung zu treffen. Ein besonderes Vergnügen war es für mich so schöne Shelties richten zu dürfen.

Der Kurzhaar Collie, glaube ich, wird in Österreich und auch in Deutschland erst dann populär werden, wenn einmal ein wirklich vorzüglicher Kurzhaar Collie von England eingeführt und auf österreichischen und deutschen Ausstellungen gezeigt wird.

Nun, zwei der Kurzhaars kamen aus England. Tatsächlich befindet sich im Heft eine ganzseitige Anzeige der Dunsinane Collies von Audrey Chatfield mit einem Bild von Defender of Dunsinane. Solch eine Anzeige war für die damalige Zeit schon etwas Besonderes und ich denke, dass Heinrich Hinterholzer, Zwinger vom Langauenfeld, der einige Dunsinane-Collies importierte, dazu ermuntert hat. Ihm gehörte Simba Kinreen Dashinggold of Dunsinane, von dem alle schwärmten und zu dem der eine oder andere deutsche Züchter zum Decken fuhr. 

Leider wenig historisches Material aus Österreich überliefert

Leider sind aus Österreich kaum Unterlagen zu den Collies überliefert, angeblich ging der ganze Bestand an Zuchtbüchern etc. verloren. Sehr schade. Aber einige Hunde tauchen doch noch im Breed Archive auf. Das Foto von Westcarrs Warrior zeigt den Kopf, den Maureen so hervorragend fand. 

Ringtraining – kaum Weiterentwicklung in über 60 Jahren

Was das Vorführen angeht, so haben wir uns gegenüber England kaum weiterentwickelt. Nur wenige beherrschen ein wirklich auf den Hund abgestimmtes Vorführen. Viele meinen es reicht, wenn der Hund stille steht und seine Ohren zeigt… was dann hinter dem Kopf passiert wird nicht mehr beachtet. Leider auch nicht von vielen Richtern… Richterberichte, die zum Hinterfragen Anlaß gäben und aus denen man lernen kann wären so wichtig. 

Prämolarverlust wertet die beste Hündin ab

Das war leider damals so. Erstens kamen aus England viele Importe mit Zahnverlusten. Noch bis in die 1990er Jahre kümmerte man sich nicht darum, sondern betrachtete nur den Gebissschluss. Für uns bedeutete ein Import, der vielleicht noch mit persistierenden Milchzähnen gekauft wurde, die ihm später ausfielen, Zuchtverbot. Heute achten Züchter, die regelmäßig ins Ausland verkaufen darauf.

Eva-Maria Krämer