Immer wieder werde ich gefragt: „Kennst Du den Richter? Wie richtet er?“ Muss das sein? Das macht keinen Spaß und auch keinen Sinn… aber keiner wirft einfach so Geld und Zeit aus dem Fenster… Wir kennen unsere Pappenheimer, da geht man halt mit einem „klassischen“ Collie oder gar Ami nicht hin, bei manchen weiß man nicht so genau, in seltenen Fällen hofft man auf eine Chance, und wenn es nur ein SG für die Zuchtzulassung wird, wenn man eben einen „anderen Typ“ als derzeit gängig züchten möchte…


Typ – für jeden etwas anderes
Jeder Hund hat seine Vorzüge und Fehler, aber es geht nicht an, dass „Typ“ vor Anatomie und Wesen gestellt wird – und alles was nicht dem derzeit erwünschten (von wem??) „Typ“ entspricht, braucht großes Glück, um mit einem Sehr gut aus dem Ring zu gehen. Sicher, die Stärken und Schwächen driften auseinander, aber ein Richter sollte in der Lage sein, den Standard vor Augen, jeden Hund in sich zu bewerten und keinen „Typ“ verfolgen, weder in die eine noch in die andere Richtung. Seine/Ihre persönliche Meinung interessiert an dieser Stelle wirklich niemanden… wenn man allerdings nachsieht, was so ein Richter züchtet, weiß man, welche Fehler er zu verzeihen bereit ist, wenn nur „sein“ Typ dabei herumkommt. Es lohnt sich also zu recherchieren. Dennoch sollte sich ein Richter neutral am Standard orientieren.

Typunterschiede – vom Spitz zum Fisch
Das Problem: Amis und Engländer sehen unterschiedlich aus. Das war nicht immer so. Erst in den letzten Jahrzehnten sind die Typen auseinandergedriftet – in Europa in den Spitztyp mit Ringelrute und kleinen, vorgesetzten Vorgesichtern, seitlich angesetzten und tief gekippten Ohren, in den USA mit, was ich als „Fischköpfe“ bezeichne, man mag es mir verzeihen, schmalen langen kastenförmigen Köpfen mit nahezu gleich breiten Schädeln wie Vorgesichtern, vor allem aber winzig kleinen seitlich eingesetzten Augen und hoch angesetzten Ohren mit leicht vornüber kippender Spitze.
Deutlicher Unterschied im Wesen
Deutlich unterscheiden sie sich im Wesen. In den USA MUSS ein Schauhund Nerven wie Drahtseile haben. Oft werden mehrere Hunde in großen Vans in Käfigen verfrachtet von professionellen Vorführern tagelang über Land gefahren, um einen Championtitel zu erlangen. Und dann erwartet man im Ausstellungsring einen aufmerksamen, freudig kooperierenden Hund, der ein schönes Gesamtbild abgibt, auf das er sorgfältig hin trainiert wurde. Nur dann hat er eine Chance zu gewinnen, also wird kein Züchter einen Welpen aufziehen, der schon erahnen lässt, dass er das nicht verkraftet… und auch mit keinem Collie züchten, der selbst unsicher ist. Das bedeutet über Generationen eine klare Selektion, die wir hier so nicht kennen. Im Mutterland Großbritannien kann ein Angstbeißer, der mehrfach nach dem Richter schnappt, BOB machen und im Ehrenring (Crufts 2026) seine Defizite aller Welt zeigen… Das hört sich sehr sarkastisch an, kann aber nicht genug abgestraft werden, denn diesem Richter ging es nur um „Typ“, solch einen Hund schickt man aus dem Ring und nicht in den Ehrenring. Aber alleine diese Einstellung zeigt, warum immer wieder unsichere Hunde, die bei größerem Schreck davonlaufen, durchaus erfolgreich sein können.
Eigene Vorlieben und Politik
Natürlich muss jedem sein Hund gefallen, und ein Richter darf gerne bei seinen Entscheidungen, die oft von Kleinigkeiten abhängen, auch sagen: Das ist meins! Aber er sollte nicht nur weil ein Hund „anders“ aussieht oder es die Vereinspolitik fordert, ein Gut verpassen und eine Zuchtzulassung erschweren… und gleichzeitig Hunden „seines“ Typs trotz schwerwiegender anatomischer Mängel (Hinterhand, Rute), absolut standardwidrigem Kopf und Fellbeschaffenheit, Spitzenplätze vergeben.
So etwas kann nur der Rasse schaden und führt zu zwei Welten, wie wir bei Jagdhunden, manchen Windhunderassen oder Schäferhunden Show-und Working Typen kennen. Bei uns sind es halt die Amis und die Engländer…
Voneinander profitieren – alle Typen sind wichtig
Dabei kann man durchaus von beiden Seiten profitieren. Man sollte Züchter, die nicht im Trend stehen und nicht das Hobby Ausstellung ganz oben auf ihrer Prioritätenliste haben, nicht ins Abseits ihrer eigenen kleinen Welt schicken (die Welpen dieser Zuchten werden gesucht und gefunden, tauchen aber kaum auf Shows auf und entgehen dem Genpool der Rasse) oder gar aus dem VDH hinaustreiben. So etwas trägt der ohnehin kleine Genpool wirklich nicht und ist wider jede Vernunft, falls das Interesse der Rasse überhaupt im Vordergrund bei den Zuchtverantwortlichen steht. Den „anderen“ wird die Zuchtzulassung erschwert, gleichzeitig aber mit Rücksichtnahme auf den engen Genpool auf wichtige Gentests oder zuchthygienische Maßnahmen in puncto Gesundheit verzichtet. Zur genetischen Vielfalt gehören aber gerade die „anderen“. Wir brauchen alle Typen, um nicht in Extreme zu verfallen, und es liegt an den Zuchtvereinen, alle Liebhaber mit ins Boot zu nehmen.
Richten nach Standard
Wie gut es gehen kann zeigte die Schau in Gelsenkirchen. Guy Devriendt hatte es mit einer sehr gemischten Truppe zu tun und es war sicher nicht einfach, die sehr unterschiedlichen Vorzüge und Schwachpunkte gegeneinander abzuwägen und Entscheidungen zu treffen. Entscheidungen, die er mit den Besitzern ausführlich abklärte, damit sie sie verstehen. Das schien für viele Aussteller eine neue Erfahrung zu sein, die offenbar sehr begrüßt wurde, und man kann nur hoffen, dass das Gespräch dazu führt, sich den Standard vorzunehmen und seinen Hund dagegen selbstkritisch abzugleichen.

Ergebnisse der Schau vom 13.6.26
Erfolgreiche Mischungen
Schauen wir uns die Sieger an: Es gewannen amerikanische Typen und englisch-gezogene Hunde ohne Extreme. Es war die Schau der guten Hinterhände, die meisten hatten von hinten gesehen gerade parallel gestellte, nicht zu enge Hinterläufe. Auch das Wesen war generell bis auf wenige Ausnahmen, die Unsicherheiten zeigten, gut. Folglich waren fröhlich getragenen Ruten selbstbewusster Hunde nicht immer eine Augenweide…
Letztlich gewannen zwei „klassische“ Collies, wenn man diesen dummen Ausdruck überhaupt gebrauchen will. Es gewannen die Collies, die nach Ansicht des Richters den Standard am besten verkörperten.
Der Beste Rüde baut auf amerikanischen, englischen, skandinavischen und brasilianischen Linien auf und ist vom Typ her alles andere als ein „Ami“. Hier ist der Züchterin eine glückliche Mischung gelungen.
Die BOB-Hündin war auch alles andere als amerikanisch im Typ und auf dem gleichen Prinzip gezüchtet. Man kann also, wenn man will, die Vorzüge und Schwachpunkte jeden Typs mit züchterischem Können gut miteinander vereinbaren.
Wenn dieses Schubladendenken bei den Collies nicht endlich ein Ende hat und jeder Hund für sich in seinem Typ bewertet wird, mit all seinen Vorzügen und Fehlern, wobei Priorität immer noch Wesen und Gesundheit haben sollten, dann werden die Meldezahlen weiter zurückgehen, weniger Würfe gezüchtet und der Collie bald zu den seltenen Rassen gehören, für die sich niemand interessiert. Vor allem aber MUSS jeder Collie für jeden Hundefreund als Collie zu erkennen sein und die Frage von Zuschauern: „Sind das die Shelties“- „oder wo finde ich die Collies“ am Colliering darf sich nicht mehr stellen.
Unterschiedliche Standards
Wer nun auf die Unterschiede in den Standards pocht: Ja der amerikanische ist viel ausführlicher (hilfreicher) und die Schulterhöhe variiert. Wer sich aber mal die Mühe macht alte Körberichte nachzuvollziehen wird schnell feststellen, dass vor Jahren die Collies hier durchaus ins amerikanische Maß fielen. Ich weiß noch, dass wir beim Messen bei der Körung oftmals nach unten drücken mussten und viele „zu große“ Hunde mit einem blinden Auge durchgezogen wurden. Steht da also 61 cm kann man durchaus davon ausgehen, dass er größer war. (Später ging man dann mit dem Zollstock – ein Unding sowieso – dann großzügiger um, damit die Hunde noch das Mindestmaß erreichten). Meine Hündin hatte 58 cm. Guy Devriendt benutzte ein ordentliches Stockmaß. Größe alleine macht es nicht, aber ein großer Hund mit längeren Beinen ist eben eleganter und gibt mehr her. Daher haben sich die Amerikaner bei ihrem Standard (mit FCI und Kennel Club haben sie ja nichts zu tun) an die damals gängige Größe gehalten und sie im Standard festgelegt. Nur so am Rande… vor der Wende waren die russischen Collies oftmals an die 70 cm hoch… Wichtig ist die harmonische Gesamterscheinung, bei der kein Teil unproportioniert zum anderen sein darf. Aber es ist auch klar, dass ein möglicherweise noch dazu molliger Collie mit üppigstem Haar und relativ kurzen Beinen keine elegante Erscheinung – weder im Stand noch in der Bewegung – abgeben kann.



