Das Ende der Dinosaurier… das Aussterben der Hundeausstellungen hat begonnen, folgt die Rassehundezucht??

Überlegungen von Eva-Maria Krämer

Ich bin von Kindesbeinen an in der Szene aktiv, mit eigenen Hunden, und für meine Publikationen bin weltweit gereist. Ich erinnere mich gerne an meine erste Spezialzuchtschau 1965 und meine erste Weltsiegerschau 1973 als Aussteller.

Ich war erst am Wochenende auf Show und liebe Hundeausstellungen, auch wenn mir nicht alles gefällt, was da abgeht. 

Vom Sterben der Ausstellungen

Es hagelt Absagen… Rieden-Kreuth, German Winner in Gelsenkirchen, Oldenburg, Metz, Kortrijk, auch in den Niederlanden drohen nächstes Jahr Ausfälle mangels Masse, um nur die zu nennen, die mir gerade einfallen…. Das Geschrei ist groß: Die German Winner fällt aus!! Aber ehrlich? Wie viele Collies wären denn gemeldet worden? 50, 100? Alle warteten nur auf diese Schau? Statistik Collie Langhaar Dortmund 13/18/23…, CAC Buchloe 15, Berlin 13, CAC Magdeburg 21, Penig 16… nur mal so, es gibt mind. 6 Klassen pro Geschlecht…

Kein deutsches Problem

Rückläufige Meldezahlen werden überall beklagt, auch in den Hochburgen USA und England. Hatten wir pro Rasse einer Gruppe wenigstens 1 Richter, richtet heute einer eine ganze Gruppe! In Deutschland hadern die Rassezuchtvereine damit, sich überhaupt noch Clubschauen leisten zu können, schon lange sind die Zeiten vorbei, da sie eine sichere Einnahmequelle für die Vereine darstellten. Sicherlich macht es uns unsere Gesetzeslage mit den Auflagen der Veterinärämter nicht leichter, aber ursächlich für den Rückgang des allgemeinen Interesses am Ausstellen von Rassehunden ist das nicht. Wäre dem so, dürften sich doch Clubschauen ohne die Rassen betreffende Einschränkungen nach wie vor hoher Meldezahlen erfreuen… Ebenso wenig zieht das Argument der Kosten, denn wir haben ja vor 40-50 Jahren auch weit weniger verdient. Wer sein Hobby liebt, betreibt es vielleicht ein wenig sparsamer – es muss ja auch keine 60 Schauen für Collies in Deutschland pro Jahr geben. Aber erstens ist das Vereinswesen insgesamt rückläufig, und der Rassehund ist heute kein Prestigeobjekt mehr, sondern ein Freizeitbegleiter. Man ist nicht mehr stolz darauf, einen ganz besonders schönen zu besitzen! Für uns früher hatte es Bedeutung: Sprach ein geschätzter Richter und erfolgreicher, seine Rasse prägender Züchter, ein positives Urteil aus, so wurde das an die Wand gehängt, ganz unabhängig von der Platzierung. Heute bin ich froh, wenn keine Richterberichte mehr geschrieben werden und ich schnell meine Sachen packen kann… es interessiert mich schlichtweg nicht, was „irgendein“ Mensch für mein gutes Geld über meinen Hund zu sagen hat. Es genügt mir, wenn er ihm den 1. Preis und CACIB verpasst… 

Gesetzeslage in Deutschland

Österreich fing mit seinen strengen Tierschutzgesetzen an, Veranstalter, Richter und Aussteller wegen Verstöße gerichtlich zu belangen… Was wohl EU-rechtlich auf uns zukommt? Die deutschen Veterinärämter haben erst seit kurzem die Rechtssicherheit, um ihrer Aufgabe lt. Tierschutzgesetz nachzukommen. Das Tierschutzgesetz bez. Qualzuchten gibt es schon seit Jahrzehnten, die Unklarheiten bei der Umsetzung hielten die Ämter ab, aktiv zu werden. Ich vergesse nie, wie nach dem damals neuen Tierschutzgesetz vor der Ausstellungshalle in Kassel alle blue merle Hunde abgefangen wurden. Das gab einen riesen Aufriss, der letztlich dank fehlender Rechtssicherheit im Sande verlief… Jetzt gibt es die Vorgaben, jetzt können die Ämter nicht nur, sie müssen… Ich kann mir sehr gut vorstellen, mit welcher Begeisterung die beantragten Veranstaltungen bearbeitet werden. Personalmangel, Wochenendarbeit, unangenehme Szenen, dann schlüpft doch eine schnaufende Kurznase mit einem „gesunden“ Gutachten durch die Maschen und das Fernsehen greift ihn auf… Siehe im vergangenen Jahr die Schau in Bayern… wo sich „klugerweise“ der 2. Vorsitzende des Landesverbandes vorab verbeten hatte über Qualzucht zu sprechen… gezeigt wurden dazu „kerngesunde“ Kurznasen… Wen wundert es, wenn die Behörden sagen, brauchen wir nicht, können wir nicht… Da die Veranstalter aber ebenso wenig in der Lage sind, die Umsetzung des Gesetzes zu gewährleisten, sind sie leider gezwungen die Schauen zu canceln. 

Zu lange Vogel Strauß

Hätte man damals in den Zuchtvereinen die Zeichen der Zeit erkannt und Maßnahmen ergriffen, hätten wir heute viele Probleme nicht. Anstatt andere dafür verantwortlich zu machen, dass Hunderassen aussterben, sollte man sich an der eigenen Nase packen. Das Thema Qualzucht begleitet uns seit Jahrzehnten, aber kaum einer hat sich darum geschert, jetzt kommt die Quittung! Ein Beispiel: Angesichts der Tierschutzanforderungen in der Schweiz bemühte sich vor über 20 Jahren ein international namhafter Züchter um die Verbesserung der englischen Bulldogge, das Projekt scheiterte an der Einsicht der Bulldog-Community und führte zum Continental Bulldog… 

Ich weiß, dass der VDH-Vorstand seit Jahren immer wieder auf die Zuchtvereine einzuwirken versuchte, insbesondere im brachyzephalen Bereich, mit mäßigem Erfolg. Letztlich hat man sich vom Zuchtverein englischer Bulldoggen getrennt. 

Zuchtschau versus Ausstellung

Zuchtschauen, wie sie bis vor ein paar Jahren hießen, waren (und sollten es heute noch sein) für die Rassehundezucht das unverzichtbare, maßgebliche Instrument. Man fuhr zu den Prestigeschauen (auch ins Ausland, auch ohne Hunde), weil man die Zucht prägende Hunde und deren Nachzucht sehen wollte und einen Begriff dafür bekam, wie die eigene Zucht aufgestellt ist. Dann hatte man aber auch 20 Hunde in einer Klasse und nicht wie heute, 20 von der ganzen Rasse… So, das Thema ist vorbei… es wird so sein, dass das Ausstellen ein Hobby/Sport für einige wenige bleiben wird, aber nicht mehr tragende Säule für die Rassehundezucht. 

Nicht wirklich Werbung für Rassehunde

Der Hundefreund, der sich auf den großen Schauen orientieren will, wird für beachtliches Eintrittsgeld herb enttäuscht. Hunde stecken in verhangenen Käfigen wild verteilt irgendwo in der Halle. Nach dem Richten verschwinden sie. Früher saß man, wie heute noch auf der Crufts, den ganzen Tag in den Boxenreihen bei seinen Hunden.

Noch letztes Einstimmen vor dem Richten – die an drei Seiten
geschlossenen Boxen sind zwar offen,
vermitteln den Hunden aber ein Gefühl
der Sicherheit.

Der Besucher steckte die Nase in den Katalog und schritt die Reihen ab und konnte mit jedem Aussteller plaudern. Ich war immer so früh da, dass ich noch vor dem Richten die Hunde in den Boxen ansehen und notieren konnte, welche mich im Ring dann besonders interessierten. Bei den hohen Meldezahlen war das auch nötig. Das ist vorbei. Heute gibt es nicht einmal mehr Kataloge – wer mag sich die Mühe machen ihn aufs Handy  zu laden, Kontaktadressen der Aussteller gibt es eh nicht – heute ergoogelt man den Hund seiner Wahl vom Sofa aus. Auch das unnatürliche Zurechtmachen und Vorführen wirkt auf den normalen Hundefreund bestenfalls lächerlich, schlimmstenfalls abstoßend. Auch durch den Ring zu ziehende, offensichtlich ängstliche Hunde entsetzen den Zuschauer, vor allem, wenn sie noch gewinnen… 

Der Pudel legt seinen Kopf in ein vorgeformtes
Kissen und harrt stundenlang aus…
was mag in den Boxen sitzen?

Meiner Meinung nach war es ein großer Fehler, Zucht und Ausstellung zu trennen, weil es keine wirkliche Trennung war. Man braucht lt. Empfehlung des VDH nach wie vor zwei „mindestens Sehr Gut-Bewertungen“ für die Zuchtzulassung. Mir ist schon klar warum, denn so hat man wenigstens noch „garantierte“ Meldungen angehender Zuchttiere… aber die Willkür ein „sehr gut“ zu vergeben oder auch nicht, hat gar nichts mit dem Zuchtwert eines Hundes zu tun. 

Rassehundezucht neu erfinden

Zuchtzulassungsverfahren dürfen nicht mehr von Ausstellungsbewertungen abhängen – ausstellen ja, Zuchttiere sollten in der Öffentlichkeit zu sehen sein, aber die Bewertung darf keine Rolle spielen. Eine Zuchtkommission aus Fachleuten und nicht nur „gewählte Funktionäre“ und Richter des Vereins, deren Urteilsvermögen das Dilemma weitgehend zu verdanken ist, muss über den Zuchtwert entscheiden. Es müssen möglichst viele Hunde in die Zucht kommen mit Hauptaugenmerk auf funktionale Anatomie und alltagstaugliches Nervenkostüm. Rein kosmetische Mängel, die Gesundheit und Funktion nicht beeinträchtigen, oder gar „Typfragen“ dürfen nicht zum Zuchtausschluss führen. Auch da gibt es im VDH Zuchtvereine, die beispielhaft arbeiten. Vor allem muss die Registerzucht, wie sie der VDH erlaubt, aber leider in einigen Vereinen nach wie vor boykottiert wird, zwingend geöffnet werden und Hunde ohne FCI-Nachweis Eingang in die Zucht finden (es soll Vereine geben, die zwar Registerzucht auf dem Papier erlauben, aber es in der Praxis tatsächlich noch kein Hund geschafft hat, eine Zuchtzulassung zu erlangen…). 

Rassehundezucht in Laienhand

Die Rassehundezucht wird – im Vergleich zur Nutztierzucht – von Laien betrieben. In nur ganz wenigen Fällen begleiten Genetiker, Verhaltenssachkundige und Tierärzte die Zucht in den Rassezuchtvereinen. Im Gegenteil, dort wo sie sich einbringen könnten, werden sie nicht gern gesehen, wenn sie mit unbequemen Ideen kommen… Es muss Ursachenforschung betrieben werden: Geringe Wurfstärke, nicht zuchtfähige Deckrüden, Kaiserschnitte, Welpensterblichkeit, leer bleibende Hündinnen… Die genetische Diversität verdient höchste Aufmerksamkeit, Nachzuchtbeurteilungen sind unerlässlich. Heute reicht es eben nicht mehr, über Jahrzehnte Welpen aufzuziehen und erfolgreich auf Ausstellung zu sein, die Wissenschaft hat uns eingeholt. Gerade in den letzten Jahren lernen wir täglich dazu. 100 Jahre geschlossene Zuchtbücher und damit Züchten in stetig schwindenden Genpools sind überholt. Die Zuchtvereine brauchen Hilfe. Dass sie mit Herzblut um ihre Rassen kämpfen ist ja in Ordnung, aber es muss auch klar sein, dass es so nicht weiter geht. Man muss Abschied nehmen von liebgewonnen Übertypisierungen und alte Zöpfe abschneiden. Einige Zuchtvereine haben die Zeichen der Zeit erkannt und leisten hervorragende Arbeit, andere boykottieren alles Neue… sind eher Zuchtverhinderungsvereine als an einer Ausweitung des Genpools interessiert. Diesen „Holzköpfen“ verdanken wir tatsächlich die derzeitige Situation in Deutschland. 

Vereins-Unwesen in Deutschland

Immer wieder wird der VDH für alles Elend in der Rassehundezucht verantwortlich gemacht. Das ist natürlich Unsinn, denn der Vorstand arbeitet seit Jahrzehnten hart gegen die oben erwähnten „Holzköpfe“ an, aber es passiert in einem Dachverband nur das, was von den Mitgliedern, den Rassezuchtvereinen, abgestimmt wird. Neue Ideen und Verbesserungsvorschläge des Vorstands haben nur dann eine Chance, wenn die Mehrheit der Mitglieder zustimmt. Nicht mehr und nicht weniger… jedes Mitglied eines Rassezuchtvereins muss sich an der eigenen Nase fassen, denn es liegt an ihm, die richtige Wahl seiner Funktionäre zu treffen. Das ist in der Hundezucht nicht anders als in der hohen Politik… 

Über allem die Zuchthoheit

Die Zuchthoheit liegt bei den Vereinen. Etwas anderem hätten sie seinerzeit 1949 bei Gründung ihres eigenen Dachverbandes nie zugestimmt… damals war das sicher auch gut so. Das bedeutet, dass alle züchterischen Maßnahmen ausschließlich von den Rassezuchtvereinen bestimmt werden. Selbst wenn das VDH-Verbandsgericht und die wissenschaftliche Kommission des VDH Empfehlungen aussprechen, müssen sich die Vereine nicht daran halten. Denken wir an das Dilemma MDR1, als der VDH relativ früh schon vor Jahren forderte, dass die in den Statuten vorgegebenen Zuchtstrategien eingehalten würden, passiert bis heute außer Stufe 1 „Erfassung“ nichts. Ähnlich ein Fall mit Importhunden aus Schweden mit FCI-Ahnentafel, die Kurzhaar unter den Vorfahren hatten. Der Zuchtverein beharrte auf Zuchtverbot. Letztes Mittel wäre, solche Vereine auszuschließen. Aber auch dem müssen alle Vereine zustimmen und dann erhebt sich die juristische Frage: Zuchthoheit, wo hört sie auf und wo fängt sie an?? Diese heilige Kuh holt kein Zuchtverein vom Eis!

Vereine sind überfordert

Da sich die Rassehundezucht fast ausnahmslos, was Tierzucht anbelangt, in Laienhand befindet, sind die Zuchtleitungen der Vereine oft überfordert. Ich sehe das in einem Verein, in dem ich Mitglied bin, bei dem z.B. ein Outcross-Programm boykottiert wurde/wird?, weil man nicht weiß, wie damit umgehen. Das fängt schon bei der Software des Zuchtbuches an, die darauf nicht eingestellt ist und hört bei der Bewertung der „Mischlinge“ und deren Eingliederung in den Genpool (wie ausstellen, wie im Sport handhaben?) auf.  Das – was jetzt nach 150 Jahren zwingend ansteht – nämlich die Zuchtbücher zu öffnen und eine wissenschaftlich begleitete Zucht zu betreiben – können sie nicht schultern. 

Outcrossprojekte – Experimentalzuchtbuch

Die Vereine müssen sich dazu durchringen Outcrossprojekte dem VDH zu überlassen, will sagen, in einem Experimentalzuchtbuch würden alle Projekte geführt, mit Regeln für die Durchführung und den Umgang mit den „Mischlingen“ und deren Integration in den Zielgenpool. Selbstverständlich in Zusammenarbeit mit den Zuchtvereinen, aber es muss auch möglich sein, dass der VDH-Projekte übernehmen kann, die nicht von Rassezuchtvereinen getragen werden. Es ist einfach eine Schande, wenn engagierte Menschen dem VDH den Rücken kehren müssen, um ihrer Überzeugung folgend aktiv werden zu können. Ein leuchtendes Beispiel sind die Pro-Kromfohrländer, die so erfolgreich geworden sind, dass sie gar keine Lust mehr haben in den VDH aufgenommen zu werden. Ich denke an den Rhodesian Ridgeback, wo eine Gruppe Züchter den VDH verlassen hat, um mit der Normalform – nämlich mit Hunden ohne Ridge und geringerem Risiko einer genetischen Missbildung – züchten zu können. Es muss möglich sein, dass sich engagierte VDH-Züchter direkt an den VDH mit Projektvorschlägen wenden, wenn der Zuchtverein nicht mitzieht. Die Zukunft der Rassehundezucht steht auf dem Spiel, da kann man auf Befindlichkeiten einzelner Vereinsfunktionäre – denn es liegt an ihnen mit vernünftiger Argumentation etwas zu bewegen, wenn sie denn wollten – keine Rücksicht nehmen. 

Wer züchten will, der züchtet

Denn eines ist klar: Wer züchten will, der züchtet. Und wer nicht im VDH züchtet, legt auf Ausstellungstitel keinen Wert. Mit Engstirnigkeit verliert man nicht nur Geld in der eigenen Kasse, sondern baut sich selbst eine Konkurrenz auf, die in der heutigen Zeit alles andere als gesund für die Zuchtvereine im VDH ist! 

Qualitätsanspruch des VDH

Natürlich wird es weiterhin unkontrollierte Produzenten geben, aber wenn der VDH seinen Qualitätsanspruch bewahren will, müssen die Zuchtvereine mit der Zeit gehen, was sie nicht schultern können nicht ablehnen, sondern Hilfe suchen und den Liebhabern der betreuten Rassen Service bieten, der über das Organisieren von Ausstellungen hinausgeht, um das Prädikat VDH-Zucht wieder zum allgemein anerkannten Gütesiegel werden zu lassen.