Durch Zufall stieß ich auf die Fotos, mit der ich diese Ausstellung dokumentiert hatte. So viele für die Zuchtgeschichte des Collies in Deutschland wichtige Persönlichkeiten – Zwei-und Vierbeiner – traf ich wieder. Und ich dachte, man sollte nicht immer nur der Hunde gedenken, sondern auch deren Menschen, die Colliegeschichte schrieben. Beim Nachschlagen der Daten stieß ich in der Juniausgabe der Collie Revue 1985 auf den dazugehörigen Artikel. Ob ich es heute noch wagen würde, das so zu schreiben? Nun, es gab so viele Augenzeugen, dass ich es guten Gewissens konnte – ja man erwartete es von mir – die meisten Anwesenden waren meine Abonnenten. Damals waren nicht nur die Meldezahlen beachtlich und die Prominenz des In-und Auslandes kam zusammen, sondern solche Titelschauen wollte man nicht missen, auch wenn man nichts auszustellen hatte. Das war die Infoplatform der Züchter und am Ring gab es ein Gedränge sachkundiger Zuschauer.
Viel Vergnügen mit 40 Jahre Blick zurück…
Buh-Rufe am Colliering
Europasiegerzuchtschau 1985
Kommentar von Eva-Maria Krämer-Vogeler
Das hatte ich noch nicht erlebt (seit mehr als 20 Jahren besuche ich regelmäßig Ausstellungen im In-und Ausland)! Ich will damit nicht sagen, dass es nicht des Öfteren Anlass dazu gegeben hätte, doch niemand hat je gewagt, seinen Unmut laut und deutlich kund zu tun. Eine neue Ära ist angebrochen.
Dortmund war, wie immer, ein Albtraum. Ich empfand das jedenfalls so. Entsetzliche Enge, kleine Ringe, Lärm, die Boxen weit vom Ring entfernt. Dabei hatten wir noch die besten Plätze. Willi Sandomir wurden 51 von 57 gemeldeten Collies vorgestellt.
Die Jugendklasse Rüden
bot mit 13 Hunden ein schönes Bild hoffnungsvoller Nachwuchsrüden. Es war schade, dass nur drei Hunde platziert werden konnten. Selten sah ich eine so starke Jungrüden- Klasse, die gerade auf CACIB-Schauen oft schaurig ausfällt. Ein reifer Jungrüde aus England gewann souverän, der Rüde auf dem zweiten Platz aus Holland zeigte die in England so vorherrschende, aufgerollte Rute, den dritten Platz belegte ein sehr schöner Jungrüde deutscher Zucht.



Hoch aufgerollte Ruten
Es ist schade, dass bei den Platzierungen auf den schweren Fehler der hoch aufgerollten Ringelrute so wenig geachtet wird. Die Richter lassen sich bluffen von in langsamem Schritt „vorgeschlichenen“ Hunden, die bestens trainiert, die Rute unten halten. Da diese hoch aufgerollte Rute ein anatomischer Fehler ist, der unmittelbar mit der Konstruktion des Rückens und der Hinterhand zusammenhängt und wie man in England sieht, wie die Pest vererbt wird und kaum mehr auszurotten ist, sollte man hierzulande, wo noch Auswahlmöglichkeiten bestehen, mit eisernem Besen fegen. Man darf solche Fehler nicht als gegeben hinnehmen. Niemand käme auf die Idee, ein Stehohr zu tolerieren. Wiederum muss man unterscheiden zwischen der aufgerollten Ringelrute, die sofort erkenntlich ist, wenn man die Hunde schneller laufen lässt (der Richter sollte das fordern) und Ruten, die im Imponiergehabe des Rüden in dem engen Kontakt mit fremden Rüden im Ring auf Sturm stehen. Das ist eine ganz andere Form der „fröhlichen“ Rute. Ein Collie mit Ringelrute ist untypisch, und untypische Hunde verdienen kein Sehr gut mehr.

Siegerklasse Rüden
In der Siegerklasse Rüden wurden drei altbekannte Kämpen vorgestellt. Die Platzierung konnte nicht anders ausfallen. Der Sieger war ein gestandener Rüde im besten Alter, der leider nur mit Mühe seine Ohren zeigte. Platz 2 belegte ein inzwischen sechs Jahre alter Hund, der langsam im Ausdruck sein Alter erkennen ließ. Platz 3 belegte ein internationaler Champion, der heute kein gutes Bild abgab und nicht dazu zu bewegen war seine ausgedrehten Ellbogen und eingedrehten Pfoten auch nur ein einziges Mal korrekt zu setzen.

Offene Klasse Rüden
Bislang war die Stimmung am Ring gut. 11 Rüden standen in der Konkurrenz. Fast alle hatten schon Spitzenbewertungen in der Tasche. Ein blue merle Rüde von recht dunkler Farbe wurde in den Ring gezerrt, wo er wie ein gegossener Pudel neben seinem Vorführer stehen blieb. „Mitleiderregend“ hörte ich von einer Dame neben mir am Ring. Es schien ein Hund in unerfahrener Hand zu sein, der weder für den Ring zurecht gemacht, noch trainiert war, noch mit Geschick vorgeführt wurde. Ein Blick in den Katalog aber ergab, dass er einem altbekannten Spezialrichter und Züchter gehörte, der nicht selbst vorführen konnte. Der amtierende Richter beachtete diesen Hund gar nicht, während er die anderen Konkurrenten sorgfältig begutachtete und immer wieder gegeneinander laufen ließ, ehe er eine Entscheidung traf. Die Platztafeln wurden aufgestellt. Die Spannung knisterte, denn die offene Klasse Rüden ist stets der Spitzenwettbewerb einer Ausstellung. Platz 3 Ostwind vom Hause Reinhard, ein noch junger Rüde, der sich bestens präsentierte und bei den Zuschauern viel Anklang fand, Platz 2 Maramin‘s The Fixer, ein feiner darksable Rüde voller Qualität – atemlose Stille. Wer blieb noch für Platz 1? Keiner mochte es richtig glauben was er sah: V1 bekam der oben erwähnte blue merle Rüde. Eisiges Schweigen und Fassungslosigkeit im und um den Ring. Nachdem das erste Entsetzen abgeklungen war, wurden allenthalben Flüche laut, die ich lieber nicht zitieren möchte.




Jugendklasse Hündinnen
Die Platzierungen in der Jugendklasse Hündinnen beruhigten die Gemüter wieder etwas, wenn auch einige sehr attraktive Junghündinnen nicht platziert wurden. Alles in allem auch hier eine Klasse vielversprechender Nachwuchshündinnen.


Siegerklasse Hündinnen
Hier präsentierte sich konkurrenzlos die englische Championhündin Chrisarion Capricious.

Offene Klasse Hündinnen
Zehn Damen, von denen nur eine ein SG bekam. Ich fand die Qualität insgesamt am schlechtesten im Vergleich mit den anderen Klassen. V1 machte eine wunderschöne Hündin, was die Zuschauer mit Beifall belohnten. V2 ebenfalls eine gute Hündin, gekonnt vorgestellt. V3 eine englische Importhündin, die zwar sehr attraktiv wirkte und nach Meinung Vieler am Ring hätte gewinnen müssen, aber außer einem wunderschönen Kopf und gekonnter Präsentation genau den englischen Teddybär-Typ mit kurzem Hals, überreichem Haar und schlechter Rutenhaltung darstellte.

Der Europasieger
Nun kam der Höhepunkt des Tages: die Vergabe des Titels Europasieger mit CACIB stand an. Was würde nun passieren? Der Sieger der Siegerklasse weigert es sich nun konstant die weit ins Fell zurückgelegten Ohren zu zeigen. Unser Blauer stand wie gehabt da und richtete auf das Schlüsselklappern des Richters einmal die Ohren auf. Trotz mehrmaliger Aufmunterung von außerhalb des Rings, die Hunde im Vergleich laufen zu lassen, wenn sie sich schon im Stand nicht zeigen wollten, verhallten ungeachtet. Ich glaube, niemand hätte sich etwas dabei gedacht, wenn der Richter das CACIB und den Titel verweigert hätte. Doch die Entscheidung fiel: der Blaue auf Platz 1 – das schien zu viel. Nach einer Schrecksekunde ertönten laute Buh-Rufe am Ring, unüberhörbar für alle Nachbarringe. Ich schielte verschämt zu der am Ring sitzenden Prominenz: die englischen Spezialrichterinnen Ada Bishop und Mary Byrnes, die beide den Kopf schüttelten.

Nun standen die beiden Hündinnen um das CACIB an: Die attraktive darksable Hündin aus der Siegerklasse und die blonde Holländerin aus der Offenen. Wieder große Spannung, denn hier hieß es Haare spalten. Die insgesamt ansprechendere Hündin war wohl die dunkle, die standardmäßig perfektere sich die blonde. Der Titel fiel an die Hündin aus Holland. Der Rassebeste wurde entschieden, ohne die Europajugendsieger hinzuzuziehen. Es war eigentlich keine Frage, aber nachdem, was man bisher erlebt hatte, blieb auch diese Entscheidung spannend. Doch diesmal erleichterter Beifall. Die Hündin wurde Rassebeste und durfte unsere Rasse im Ehrenring vertreten.
Zusammenfassung
Es waren einige wirklich gute Hunde da. Das Richten ließ Fragen offen. Über jeden Richter wird gemeckert: für die Verlierer hat er keine Ahnung oder ist korrupt; die Sieger finden, dass sie endlich einen Richter gefunden haben, der Ahnung hat und die Qualitäten ihres Hundes, den sie zu Hause, Tag und ein Tag aus bewundern, erkennt. Da „Schönheit im Auge des Betrachters liegt“, wie ein englisches Sprichwort sagt, werden Richterentscheidungen immer umstritten sein. Ich fand es gut, dass die Zuschauer den Mut aufbrachten, ihre Meinung lauthals mitzuteilen. Ob dies nun die feine Art ist, darüber lässt sich streiten, aber zu lange haben Aussteller und Zuschauer Entscheidungen hinnehmen müssen, deren Berechtigung anhand des Standards anzuzweifeln war. Möge dieses unschöne Erlebnis dazu beitragen, dass sich die Richter künftig ihre Entscheidungen weniger leicht machen und mehr nach Standard richten. Doch die Frage ist dann wiederum: kennen die meisten Zuschauer den Standard? Auch im hiesigen Fall wird der Richter einen Grund für seine Entscheidung gehabt haben – vielleicht wertete er das gute Gebäude, die gute Rute, das gute Haar von echter Beschaffenheit, höher als Kopfqualitäten, Präsentation und Gangwerk? Aber regen wir uns nicht gerade über Richter auf, die nur darauf schauen, dass sich ein Hund gut zeigt und sich über gravierende Fehler hinwegtäuschen lässt? Gibt es nicht genug Hunde in der Siegerklasse, bei denen man sich fragt, wie sie wohl da hingekommen sein mögen? Da laute Kritiken nun drohen, werden Richter in Zukunft versuchen, populäre Entscheidungen zu treffen? Was sind populäre Entscheidungen? Eben die Hunde der Sorte „Blender“ voranstellen, um die Masse der „Standardkundigen“ zu befriedigen? In den Augen der Kenner und zum Wohl der Rasse eine sehr unbefriedigende, ja schädliche Einstellung.

Nobody is perfect
Es gibt keinen vollkommenen Collie. Man wird Fehler und Vorzüge immer gegeneinander abwägen müssen. An erster Stelle sollte ein Collie aber immer das Bild vollendeter Schönheit abgeben ehe man weiter guckt. So will es der Standard und dafür ist der Collie berühmt. Auch wenn es manche nicht wahrhaben wollen, das ist der Grund, warum er überhaupt gezüchtet wurde.
Wie wäre es, wenn die Richter ihre Entscheidungen im Ring laut für die Zuschauer begründen, wie dies bei den Deutschen Schäferhunden der Fall ist, damit Anfänger lernen können und man lernt vielleicht, die Entscheidungen besser zu verstehen? Aber ein Richter muss sich dann sehr gut überlegen, was er sagt und tut.
Die Europasiegerzuchtschau 1985 wird fast allen, die dabei waren, in schlechter Erinnerung, dafür aber unvergesslich bleiben. Doch Hand aufs Herz. Ich habe schon schlechtere Rüden sie gesehen, die sich mindestens genauso schlecht präsentierten, ohne dass die Leute gebuht haben. Leider!
Anmerkung: Ich habe mich bemüht die Hunde so vorteilhaft wie möglich zu fotografieren und nicht etwa darauf gewartet, dass sie ungünstig dastanden. (Leider sind die Fotos aus irgendeinem Grund gar nicht in der Collie Revue erschienen, das holen wir hiermit nach!)