Heute vor 62 Jahren wurde diese hübsche Hündin geboren – Tunja vom Haus Marwei

Alte DDR-Linie vom Haus Marwei. Aber ist sie das? Ihre Mutter Estella vom Charlottenhof ist dank der guten persönlichen Beziehungen von Margot Berger aus Westdeutschland in die DDR gelangt. Wie züchtet sie mit ihr weiter? Sie betreibt natürlich Linienzucht auf Collies, die ihr wertvoll erschienen. Margot Berger kannte die Rasse schon von vor dem Krieg besser als jeder andere, ganz sicher hat sie Deliane vom Birkenwald auf der Welthundeausstellung 1956 selbst gesehen, und da es ein Foto gibt, das der großartige Hundefotograf Münch auf der Welthundeausstellung machte, wissen wir, dass es eine schöne Colliehündin war. Margot Berger besaß zwei Töchter von Deliane, die im Zwinger vom Eichengrund stand, und aus dem legendären B-Wurf vom Tulpenhof mit Weltsieger Bandit vom Tulpenhof den Rüden Boss vom Tulpenhof. Verbindungen nach England waren schwierig, England litt noch sehr unter den Kriegsfolgen. Schweizer Züchter importierten Collies aus guter englischer Zucht, und es war rein sprachlich sehr viel einfacher, deren Nachzucht nach Deutschland zu bringen. Dr. Gremme, vom Tulpenhof, jedoch kaufte in England die Ladypark Wish of Rosedene. Er ließ sie in der Schweiz von einem englischen Import decken, und der B-Wurf vom Tulpenhof sollte die Collliezucht dies-und jenseits des Eisernen Vorhangs prägen.
Wertvolle englische Linien für die DDR-Colliezucht
Margot Berger war es also gelungen, die wertvollsten, zur Verfügung stehenden Blutlinien des Mutterlandes zu ergattern und es lag nahe, dass sie Linienzucht auf sie betrieb, um ihre begehrten Eigenschaften zu festigen. Damals und leider auch noch bis in unsere Zeit hinein galt eine solche Ahnentafel als erstrebenswert. Man wusste es nicht besser, aber heute haben wir uns mit den Folgen auseinanderzusetzen.
Alte DDR-Linien?
Ihr Vater Namoh vom Haus Marwei z.B. wurde zum begehrten Deckrüden, auch im benachbarten Ausland der DDR und so er ist in vielen Ahnentafeln zu finden, auch hinter dem berühmten Atlas von der Prignitzer Flur, der heute noch in deutschen Ahnentafeln vorkommt. Alte DDR-Linie? Es ist schwierig zu sagen, inwieweit unsere deutschen Collies heute noch auf diese alten „deutschen“ Linien zurückgehen, es werden nicht mehr viele sein. Insbesondere, da viele Züchter in der DDR sehr bemüht waren, so schnell wie möglich Anschluss an die westeuropäischen Linien zu finden und neue Hündinnen kauften. Eine der wenigen, die immer wieder auf die DDR-Linien zurückgriff, war Christine Erdmann, die Züchterin von Atlas von der Prignitzer Flur. Sie opferte die Vorteile ihrer Hunde nicht für modernen „Ausdruck“. Trotzdem züchtete sie erfolgreiche Collies.
Genetischer IK – IK nach Pedigree
Die Ahnentafel von Tunja ist nur ein Beispiel dafür, dass wir der sog. „alten“ Inzucht nicht entkommen, egal was wir heute tun. Eine Erklärung dafür, dass Hunde mit ganz geringem Inzuchtkoeffizienten (IK) anhand von 6 Generationen einen so hohen genetischen IK haben. Im folgenden habe ich einmal die Collies, deren genetischer IK bei Feragen öffentlich einzusehen ist, mit dem Collie Breed Archive abgeglichen, beide wurden auf 6 Generationen berechnet.

Es nützt uns also gar nichts, nur 6 Generationen-Ahnentafeln anzuschauen, sondern es sollten mindestens 10 Generationen sein, um zu sehen, wie eng sie nach hinten hinauslaufen. Abonnenten des CBA können bis in die Anfäge der Rasse stöbern. Das vermittelt uns allerdings nur einen optischen Eindruck. Genetiker empfehlen so viele Generationen wie möglich auszuwerten. Leider werden noch viel zu wenige Collies auf den genetischen IK getestet, was uns Aufschluss über den tatsächlichen Zustand der Rasse geben würde. So sehr wir uns auch in die Abstammung eines Hundes vertiefen, die Ahnentafel gewährt keinen Einblick in die tatsächliche Genetik, sondern ist eine rechnerische Einschätzung, entwickelt zu einer Zeit, als man von unseren Möglichkeiten heute nicht einmal träumen konnte.
Schauen wir auf die 10 Generationen von Atlas und Namoh, landen wir bei den gleichen englischen Hunden, wie bei allen anderen europäischen Collies auch. Je weiter wir zurückgehen, desto enger werden die Linien, und da bis in die 1920er die besten englischen Vererber nach Amerika gingen und dort die Zucht begründeten, gehen auch die amerikanischen Collies auf die gleichen Vorfahren zurück. Zum Glück hörte die „Kooperation“ dann auf, so dass sich anhand der ständig stattfindenden Mutationen der Gene separate Populationen entwickeln konnten.
Die Rassezuchtvereine sind gefragt
Die moderne Gentechnik ermöglicht uns, für den einzelnen Hund den genetischen IK festzustellen und über „matching tools“ wie sie zB Feragen anbietet, festzustellen, wie eng geplante Zuchthunde genetisch tatsächlich zusammenhängen. Es ist daher unerlässlich, dass diese Überprüfung der Genetik ein vorrangiges Ziel der Rassezuchtvereine sein sollte, um vernünftige Zuchtstrategien vorschlagen zu können. Es ist Aufgabe der Rassezuchtvereine die Züchter dahingehend zu unterstützen und nicht jeden für sich alleine ackern zu lassen – aber nicht – gar nichts zu tun. Dazu gehört z.B. Information, Überzeugungsarbeit, das Aushandeln günstiger Preise für die Tests und möglicherweise finanziellen Zuschuss, um Anreize zu bieten Zuchthunde testen zu lassen. Bei einem wirklich interessierten Züchter rennt man damit eh offene Türen ein.
Inzuchtdepression
Wir haben beim Collie eine Inzucht-Depression mit einem Wurfdurchschnitt von 5 geworfenen Welpen pro Wurf. Froh zu sein, dass es nicht mehr sind, ist sicherlich der Bequemlichkeit und der Aussicht, Welpen zügig zu verkaufen, geschuldet. Aber züchterisch gesehen ist das für eine Rasse wie den Collie zu wenig, und es war vor Jahren auch mehr. Ebenso sind Probleme bei der Fortpflanzung mit einem hohen Anteil leerbleibender Hündinnen ein Hinweis auf Inzuchtdepression… und es gibt noch einige mehr. Da ist es gut, mal über den Tellerrand zu schauen und nicht zu glauben, das ist eben Collie – ganz normal.